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11.11.2018 16:20 Alter: 33 days

November 2018: Die Portemonnaie-Leerete wirkt!

Im Sommer fand die letzte Portemonnaie-Leerete statt, diesmal zugunsten des Projekts Mikrokredite. Wir haben mit Yolanda Andrade gesprochen, die direkt davon profitieren kann.

 

Von Chantelle Oberdorfer

 

Ein noch relativ junges Projekt der Stiftung Sembrar Esperanza sind die Mikrokredite, die Kleinunternehmern und -unternehmerinnen helfen sollen, ihr eigenes Geschäft zu gründen. Die Kredite werden durch zweckgebundene Spenden finanziert.

 

Mit einem Startkapital wird diesen Personen unter die Arme gegriffen, um Geschäftsausstattung zu kaufen und den Betrieb zu starten (USD 100-200). Gleichzeitig wird ein Abzahlungsplan vereinbart, um die Rückzahlung des zinslosen Mikrokredits sicherzustellen.

 

Volontärin Chantelle Oberdorfer sprach mit einer Familie, die von einem Mikrokredit Gebrauch machen konnte.

 

Um 19.30 Uhr klopfe ich, wie vereinbart, an der Haustür. Der 10-jährige Sohn Alan öffnet die Tür und lässt mich herein. Er meint, seine Mutter sei immer noch bei der Arbeit. Sie hütet jeweils nachmittags bis abends ein Mädchen in einem nahegelegenen Ort.

 

Alans Vater wohnt seit etwa vier Jahren nicht mehr bei der Familie, deshalb wartet Alan abends alleine, bis seine Schwester von der Schule (bis um 22 Uhr) oder seine Mutter von ihrer Arbeit nach Hause kommen.

 

Gerade als ich mich mit Alan über seine Leidenschaft für Mathematik und ein paar englische Wörter austausche, kommt seine Mutter, Yolanda (38) hereinspaziert und grüsst mich herzlich. Sie erzählt, dass sie aufgrund ihrer Skoliose (Wirbelsäulenverkrümmung) nur Teilzeit arbeiten kann und somit nicht genug Mittel hat, eine Wohnung zu finanzieren und gleichzeitig für ihre Kinder aufzukommen. Deshalb wohnt sie in einer Wohnung, die von der Stiftung SEMBRES zur Verfügung gestellt wird.

 

Yolanda hat drei Kinder. Zwei davon, Alan und die 16-jährige Daniela, wohnen mit ihr zusammen in Pomasqui. Daniela ist ein Patenkind der Stiftung und wird schon seit fast acht Jahren von ihrer Schweizer Patin unterstützt.

 

Sie hat zusätzlich zu ihrer Grundausbildung eine dreijährige Schule für den Beruf Schneiderin besucht. Da Daniela ihrer Leidenschaft fürs Nähen folgen wollte, beschloss ihre Familie, einen Mikrokredit bei der Stiftung aufzunehmen, damit sie sich eine Nähmaschine kaufen kann.

 

Durch Saskia, Leiterin Sozialprojekte bei Sembrar Esperanza, wurden sie über Mikrokredite informiert und erhielten ein Startkapital von 100 Dollar, das in Raten von 25 Dollar zinslos zurückgezahlt werden muss.

 

„Wir besorgten uns die Nähmaschine im Januar, als uns der Kredit ausgestellt wurde, und bieten nun alle Dienstleistungen an, die mit dieser Nähmaschine möglich sind“, erklärt Yolanda. Sie flicken Kleider, die für besondere Anlässe bestimmt sind, wie Erstkommunionen oder 15. Geburtstage von Mädchen, die in Ecuador gross gefeiert werden. „Wir passen auch die Grössen der Kleider an, machen Heft- oder Steppnähte und bedecken Flecken“, fügt sie hinzu. Das Meiste mache aber ihre Tochter Daniela aufgrund ihrer Erfahrenheit und Zusatzausbildung. Yolanda zeigt mir stolz zwei Ballkleider als Beispiele. „Dieses Kleid hat meine Tochter zu ihrem Abschluss getragen!“, sagt sie, und zeigt auf ein blaues Kleid.

 

Pro Monat werden bis zu drei Kunden bedient. Dieses Mini-Unternehmen, das die Familie zusätzlich zur Arbeit und Schule führt, bringt etwa 50 Dollar pro Monat mehr ein. Da sie zu dritt in einem Haushalt wohnen, hilft dieser Betrag enorm weiter, um Essen und Ausbildungen mitzufinanzieren. 

 

Ohne die Unterstützung der Stiftung wäre es für sie unmöglich gewesen, ihr Leben normal weiterzuführen, meint Yolanda. Wegen häuslicher Gewalt des Vaters und mangelnder finanzieller und erzieherischer Unterstützung hätten sie sich getrennt. So seien Yolanda und ihre Kinder plötzlich auf sich selbst gestellt gewesen. 

 

„Ich kann euch nicht genug danken, für alles, was ihr für mich gemacht habt. Ihr habt mich psychisch stabilisiert, mir diese Wohnung zur Verfügung gestellt, meiner Tochter diese Patenschaft geschenkt und nun helft ihr uns mit dem Mikrokredit weiter“, sagt Yolanda, den Tränen nahe. „Möge euch Gott das Doppelte zurückgeben.“ Sie betont wieder und wieder, wie gut es ihr heute gehe.

 

Ich frage sie, ob noch weitere Projekte geplant seien für ihre Mini-Unternehmung. „Wir sind gerade daran, für eine teure Nähmaschine (950 Dollar) zu sparen, die uns ermöglichen würde, selber Kleider herzustellen und viele weitere Dienstleistungen anzubieten." Das sei wiederum ein weiterer Fall für das Mikrokredit-Projekt, der gerade mit der Stiftung vor Ort besprochen werde.

 

Nach ein paar Fotos und etwas Geplauder verabschiede ich mich dankend von Yolanda und Alan, und bin gespannt darauf, wie sich ihr kleines Geschäft weiterentwickeln wird.

 

Bildlegende

1: Yolanda

2: Alan

3: Daniela

4: Die Nähmaschine

5: Das blaue Abschlusskleid