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10.04.2018 14:56 Alter: 196 days

April 2018: Aus dem Leben eines Kindergärtlers

Einen warmen Februartag verbrachte ich auf den Fersen von Lia und Alain, zwei Energiebündeln aus dem Kindergarten Violanta y Werner. Nach meiner Ankunft um 7.56 Uhr (nach 8.00 Uhr wird niemand mehr reingelassen) entführe ich die beiden in den Spieleraum für ein Interview.

 

Von Florian Rudolf

 

In einem Atemzug erzählt mir Lia 1‘001 Sachen aus ihrem Leben. Dass sie mit ihrem Hund Onix spielt (er beisst, sie rennt), und dass er normalerweise winselt, wenn er für kleine Hunde muss, aber einmal in die Küche gemacht hat und die Mutter sauer wurde. Dass sie Zwiebelsuppe mag (ohne Zwiebeln, versteht sich), und dass ihr einmal Rotz in die Suppe gefallen ist und ihr Bruder daraufhin sagte: „Nie wieder werde ich Zwiebelsuppe essen können!“. Dass ihr Bruder sich einmal mit einem Messer umbringen wollte und dass er sein Geschirr nie abwischt, und dass sie im Bauch ihrer Mutter nie träumte, aber trampelte, und, und, und. Eineinhalb Stunden reden wir, oder zumindest sie mit mir.

 

Alain ist etwas zurückhaltender. Dafür hat der Vierjährige ein Lächeln, um das ihn jedes Kinder Schokolade©-Covergesicht beneiden würde. Ich frage ihn, wie ein Tag für ihn beginnt.

 

„Zuerst stehe ich auf, trinke meine Milch, wasche mich und putze mir die Zähne. Dann bete ich und meine Mama bringt mich zum Bus. Aber bevor sie geht, gibt sie mir einen Kuss, meine Mama ist sehr lieb. Im Bus beobachte ich die Autos, am liebsten weisse. Dann kommen wir beim Kindergarten an und die Klasse fängt an.“

 

„Warum weisse Autos?“, frage ich ihn. „Weil ich auch weiss bin“, meint er. So also beginnt der Tag im Kindergarten. Kinder kommen an, werden teilweise von ihren Eltern vorbeigebracht und versammeln sich in einem von den drei Klassensälen. Lia und Alain sind beide in der Klasse „Gelb“ („Rot“ und „Blau“ sind die Drei- und Zweijährigen). Auf dem Tagesmenü stehen heute: Zahlen. 

 

Gleichzeitig nimmt in der Küche das physische Menü Form an. Das alltägliche Frühstück besteht aus einem heissen und zuckersüssen Getränk (heute ein Aufguss aus Ananas, Maismehl und einem Verwandten des Zitronengrases), sowie aus einem Stück Brot. Beim Kauen denke ich an Isoliermaterial, aber die Kinder schmatzen fröhlich. 

 

Der Morgen besteht aus mehr Unterricht, unterbrochen von Pausen im Innenhof. Alain fragt mich, ob ich ihm ein Superhelden-Cape aus seinem Pulli machen kann. Dann stürzen wir uns vom Traktor-Reifen. Lia ist wieder einmal auf dem Klettergerüst. Sie und ihre Freundin sind überbereit für ein Fotoshooting. Zwischendurch gibt es Früchte und Alain füttert einen Freund.

 

Während die Kleineren zu Mittag essen, beschäftigen wir uns mit „Good morning“ und „Good evening“. Um halb eins sind schliesslich wir an der Reihe mit essen. Nach dem Händewaschen wird die unverkennbare, ecuadorianische Suppe serviert, in der meist Kartoffeln, Reis oder Yuca schwimmt und immer Hühnchen, gefolgt von Reis mit Salat und Hühnchen. Und das jeden Tag. Heute jedoch gibt es wunderbarerweise Kartoffelstampf. Ob er nicht genug Reis für ein Leben gegessen habe, frage ich Alain. Nein, Reis sei sein Lieblingsessen, antwortet er mit grossen Augen. Lia am anderen Tischende tut sich währenddessen an einem Hühnerknochen gütlich.

 

Nach Beendigung des Mahls überlassen wir der Köchin ein Schlachtfeld von Essensresten und gehen nach draussen. Lia gesellt sich zu der Kinder-Mehrheit, welche demnächst von ihren Eltern abgeholt werden. Ich komme ein letztes Mal in den Genuss ihres Kommunikations-Enthusiasmus, dann verabschieden wir uns. Alain andererseits kuschelt sich bereits im Ruheraum unter Plüschrosen. Ruhe kehrt da aber (trotz Mozartmusik im Loop) erst nach vermehrten Baby-Einzelbett-Drohungen der Lehrerin ein.

 

Schliesslich ist sie da: die Stille. Im Hof kreuzen sich zwei befreite Hühner und es quietscht eine Schaukel im Wind. Nun essen wir Lehrpersonen und machen Ordnung, wobei mich das Klassenzimmer der Zweijährigen stark an meine Exkursion ins Erdbeben-Simulations-Zentrum erinnert. Bis die Kinder um 15.00 Uhr geweckt werden, ist alles wieder blitzblank und bereit für die Erneuerung des ewigen Kreises. Ich helfe einigen verschlafenen Kinder in die Schuhe. Nach und nach leert sich der Kindergarten, bis schliesslich das letzte Kind in die Arme seines Vaters rennt. Es war ein langer Tag, aber ich freue mich schon auf den nächsten Besuch bei den Kleinen; ihre Unbeschwertheit ist erfüllend.

Impressionen aus dem Kindergarten "Violanta & Werner"