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10.04.2018 14:52 Alter: 196 days

April 2018: Interview mit einem Patenkind: Angela

Einen Morgen lang hat mich Angela García (19) in Ihre Welt gelassen. Eine Welt von Armut und Arbeit, aber auch von Hoffnung und Stärke. Während eineinhalb Stunden erklärt mir die von Pro Pomasqui unterstützte Literaturstudentin, was es bedeutet, ein Patenkind zu sein, und wir sprechen über die Wichtigkeit von Literatur und Bildung. Ein Ausschnitt aus dem Gespräch.

 

Von Florian Rudolf

 

Wörter und Sprache faszinieren dich?

Ja. Als ich in der 11. Klasse war, hatte ich eine Lehrerin, die mir Wörter beibrachte, Geschichten erzählte... und mich begeisterte. Und ich sagte mir: Ich will so eine Lehrerin sein. Meine zukünftigen Schüler sollen auch dieses Gefühl für Wörter haben können. Sie müssen verstehen, dass Wörter immer ein Teil ihres Lebens sind, von der Geburt bis zum Tod. [...] Sie sind essenziell, und das verstand ich in der 11. Klasse.

 

Wie alt warst du da?

15. Es wurde mir klar, dass ich Literatur studieren muss - auch wenn viele nicht damit einverstanden waren. Denn in Ecuador wird ein Literatur- oder Philosophiestudium immer noch mit dem Hungertod gleichgesetzt.

 

Was machst du im Moment?

Ich studiere seit mehr als einem Jahr Literatur. Im Moment beginne ich mit meinen ersten kleinen Projekten: Unsere Gruppe besucht Schulen und wir versuchen, Probleme zu identifizieren. Unser Thema sind Lesegewohnheiten. Eine nationale Studie sagt, dass ein Ecuadorianer durchschnittlich 2.5 Bücher pro Jahr liest. Ein Problem ist, dass die Kinder nicht ans Lesen gewöhnt sind. Das ist ziemlich verrückt, denn jede Ausbildung baut auf der Lesefähigkeit auf.

 

Ist es wichtig, dass Schüler lesen oder dass es ihnen gefällt, zu lesen?

Ich habe in den letzten Monaten gelernt, dass Schüler nicht bestimmte Bücher lesen sollten. Das ist eine Auferlegung - das Schlimmste, was eine Lehrperson machen kann. Denn das nimmt den Schülern die Freude am Lesen. Wichtiger ist, das sie lesen können, dass es ihnen gefällt. Auch wenn es „nur“ ein Comic ist. So bilden sich Lesegewohnheiten und die Lust auf mehr Bücher.

 

Denkst du, dass der Mangel an Geld die Menschen vom Lesen abhält? 

Nicht wirklich, denn zum Lesen kann ich in eine Bibliothek gehen oder ich kann mir ein Buch auf mein Handy laden. Die meisten Jugendlichen haben heute ein Handy. Das Problem ist ein anderes: Eine Busfahrt auf sich zu nehmen um anschliessend in der ernsten Bibliotheksatmosphäre auf einem harten Stuhl auszuharren – wer hat da Lust drauf?

 

Was ist deine persönliche Lösung?

Ich habe das Glück, eine Freundin mit einer eigenen kleinen Bibliothek zu haben. Manchmal frage ich sie: „Hey, du hast nicht zufällig dieses Buch?“ Und dann besitzt sie es manchmal wirklich. Im Moment habe ich dank Saskia von der Stiftung SEMBRES auch einen Haufen Secondhand-Bücher zu meiner Verfügung. Ich bin sehr zufrieden (lacht).

 

Letztes Jahr habe ich auch viel gelernt, damit ich ein Stipendium von der Universität erhalte - und sich wurde akzeptiert! Davon kann ich mir einige Bücher kaufen. Aber du hättest mich letztes Jahr sehen sollen, ich war wie ein Zombie, der nie im Tageslicht draussen war. Auch jetzt muss ich meinen Schnitt halten.

 

Ist das viel Druck für dich?

Ja. Aber mehr als das Studieren war es die Frage, ob ich für das Stipendium akzeptiert werde. Das Mindeste, was ich tun kann, ist gute Noten schreiben, um meine Pateneltern stolz zu machen und die Menschen der Stiftung SEMBRES.

 

Pro Pomasqui unterstützt dich ja mit zwei Schweizer Pateneltern. Hat dir das geholfen?

Ja, sehr. Manchmal denke ich, dass ich ohne die Unterstützung jetzt nicht am Studieren wäre. Das Patenschaftsgeld half mir stark, denn oft hatten wir kein Geld und ich musste etwas für die Schule kaufen. Dann fragte ich: „Mama, wann erhalten wir wieder Patenschaftsgeld?“ Und wenn es schliesslich kam, konnte ich mir die Bücher kaufen. Ohne das Patenschaftsgeld würde ich jetzt arbeiten.

 

Warum braucht ihr das Patenschaftsgeld?

Ich lebe nur mit meiner Mutter. Mein Vater schickt uns manchmal unerwartet Geld, aber das hält nur für einen Tag oder eine Woche. Und meine Mutter musste für mich und meine Schwester aufkommen... arbeiten und alles andere. Das reichte aber nicht. Ich glaube nur jemand von uns hätte zur Schule gehen können: Ich oder meine Schwester. Für mich ist es ein Segen, die Unterstützung von Saskia zu haben und speziell von meinen Pateneltern. [...] Ich hatte zwar nie ein luxuriöses Leben, aber mir fehlte auch nie etwas.

 

Was ist dir wichtig?

Für mich ist es wichtig, dass die PoSCHTmasqui-Leserinnen und Leser wissen, wie bedeutungsvoll die Unterstützung von Pro Pomasqui ist. Die Patenschaften ermöglichen, dass viele Jugendliche lernen können. Das verändert nicht nur die einzelnen Personen, sondern die ganze Gesellschaft. Bildung hilft Menschen, sich über die Realität bewusst zu werden, damit sie nicht Opfer von Lügen und schönen Worten werden. [...] Bildung hilft Menschen, nicht erniedrigt zu werden. Sie hilft ihnen, der Armut zu entkommen. Schlussendlich führt sie zu mehr Harmonie, denn gebildete Personen versuchen Probleme durch Kommunikation zu lösen, oder sie suchen ein gemeinsames Ziel.

 

Jemand mit wenig Wissen hat generell Angst vor Veränderungen. Aber gebildete Personen suchen die Veränderung, denn sie wissen, was falsch und was richtig ist.